Anrudern - Oder?

Grenzerfahrung auf dem Grenzgewässer

Eine Strömungsfahrt auf der Oder wäre doch mal was für mich, meinte Pips. Unerfahren und ahnungslos, habe ich ihr nicht widersprochen. Schon war ich mit angemeldet für das gemeinsame Anrudern des Rudervereins Fürstenberg/Oder 1910 e.V. und des Frankfurter Ruder-Club 1882 e.V. am 15. März.

Am Freitag Nachmittag reisten wir ohne Stau nach Frankfurt, wo wir das Auto auf dem FRC-Gelände parken konnten. Während wir dort auf Uwe und Kerstin aus Eisenhüttenstadt warteten, fragte Pips, was ich denn so über das Strömungsrudern weiß. Sie hatte die NRC-Ruderschulung am Vorabend verpasst, mir kamen die gezeigten (Pannen-)Videos wieder ins Gedächtnis ... und ich ließ mir lieber noch einige Infos geben.  

Die Fahrt sollte am nächsten Tag von Eisenhüttenstadt flussabwärts nach Frankfurt gehen, also etwa 36 km. Den Bootshänger für den Rücktransport der Boote brachten unsere beiden Abholer mit und wir fuhren nun gemeinsam zurück. Im schönen Häuschen von Kerstin und ihrem Mann Mathias fanden wir ein Nachtlager. Von der Hanglage hat man einen Blick über ganz Eisenhüttenstadt, den Kerstin uns vorm Abendessen noch zeigte. Kaum zu glauben, dass wir uns auf einem Abfahrtshang mit Skisprungschanze befanden! 

Außer Pips und mir waren noch Klaus und Claudia alias Nicole und Matthias (rudern gerne mal inkognito) als Übernachtungsgäste eingeladen. Wir verbrachten einen geselligen Abend bei Kartoffelauflauf, Bier, Wein, Sekt  - und Wasser. Ich trank nämlich nur wenig, denn mir wurden schon Schauergeschichten von Oderkrokodilen und in der Schleuse gekenterten Ruderkameraden erzählt. Kneifen war aber unmöglich, denn in der Lokalpresse waren wir als Gäste aus Neuruppin und Erkner bereits schwarz auf weiß angekündigt worden.

Noch lachen wir alle fröhlich morgens früh um 7 beim Verwöhnfrühstück!

Samstag kurz nach Acht fuhren wir los, in Richtung Ruderverein. Dort mussten noch einige Boote angeschlagen werden. Insgesamt nahmen 38 Ruderer, 29 aus Frankfurt, 5 aus Fürstenberg, 2 aus Berlin und zwei aus Neuruppin teil. Wir wurden auf sieben Vierer und einen Zweier mit aufgeteilt. Die Fahrt sollte inklusive einer kurzen Picknick-Pause am frühen Nachmittag in Frankfurt enden, wo dann eine Bootstaufe mit anschließendem Kaffeetrinken stattfinden würde. 

Pips und ich wurden der "Lebus" zugeteilt, zusammen mit Lieselotte, Michael und Karl-Ernst. Das Steuer übernahm Micha, auf Schlag ruderte Pips, ich auf der 3, Lilo auf der 2 und Karl-Ernst nahm auf der 1 Platz.

Als eines der ersten Boote im Wasser, suchten wir nach Windschatten, denn uns wurde langsam kalt bis endlich alle auf dem Wasser waren. Der Steuermann unterhielt uns mit komplizierten Anziehmanövern, die die Regenjacke nicht überstanden hat.



Die Zwillingsschachtschleuse war unser nächstes Ziel. Ein gigantisches Bauwerk. Es ist die letzte von 4 Schleusen, die man auf dem Oder-Spree-Kanal auf dem Weg bis zur Oder überwinden muss. In der Nordkammer warteten wir auf die anderen Boote. Eines musste umkehren und ausgetauscht werden, da zu viel Wasser eindrang. Zuvor hatte der Wind es an Land wohl umgeblasen, der dabei entstandene Schaden war dann doch größer als vermutet.

Fahrtleiterin Gabi gibt den Schlag vor.



Kerstin hakte bei uns ein und verteilte großzügig ihren Glühwein. Dazu ließen wir uns frische Pfannkuchen schmecken, die an jedes Boot ausgegeben wurden. 



Ca. 14 Meter wurden wir geschleust. Tief unten war es angenehm windstill.




Lilo stimmte schließlich ein fröhliches "das Tor geht auf" an.


Das Wetter war nicht wirklich gut, aber noch sah die Oder ganz friedlich aus.

An einer anderen Buhne war die Stimmung ebenfalls noch fröhlich.

Wir landeten zu einer kurzen SiPu-Pause an.


Danach nahm das Drama seinen Lauf. Es braute sich was zusammen!


Das Wetter wurde immer schlechter. Die ersten Flussabschnitte mit Gegenwind konnten wir allerdings noch ganz gut passieren. Die Ausrufe von Micha am Steuer wurden dann aber immer furchteinflößender, hier eine Auswahl: Der Wind wird immer stärker! Ich sehe Schaumkronen! Der Wind wird noch stärker! Die Wellen werden immer höher! Hochscheren! Ihr ahnt, die Situation spitzte sich weiter zu. Pips hatte einen entsprechenden Schlagwechsel angesagt - mit kürzeren Schlägen. Leider ist das Kommando, wohl aufgrund des Windes, nicht bis zum vorderen Bootsteil durchgedrungen. Von Platz eins kam unaufhörlich ein "laaaang durchziehen". Meinte Karl-Ernst dieses Schönwetterkommando wirklich ernst!? Hmm, ich ließ es mit dem starken Wind an mir vorbei wehen und hielt mich an Pips. Sie war in ein ungewohntes,  resignatives? Schweigen verfallen, was für mich auf eine wirklich ernste Lage hindeutete. Im Gegensatz zu den meisten der anderen Boote trieben wir in der Mitte des Stroms, fast mehr auf der polnischen Seite. Ich hatte Schwierigkeiten bei dem Wind die Kohlefaser-Skulls festzuhalten. Irgendwann erhörte der Steuermann Lilos Bitte, doch mehr unter Land zu fahren, so wie die anderen. Im Vorbeifahren sahen wir dann, dass immer mehr Boote zwischen den Buhnen anlegten. Wir entschlossen uns, ebenfalls anzuhalten. Doch vor dem rettenden Ufer lag - oh Schreck - eine Sandbank! Micha hatte diese leider "nicht gehört" wie er später zu unserer Erheiterung zugestand. Gerade noch rechtzeitig konnten wir ausweichen. Nun trieben wir allerdings direkt auf ein steiniges Uferstück zu. Mit Skulls und Paddelhaken gelang es nicht uns wegzudrücken, also sprang Karl-Ernst beherzt ans Ufer und zog uns auf ein sicheres, sandiges Strandstück - gerettet!

Wir befanden uns bei km 568 kurz vor Aurith.


Zwischen den benachbarten Buhnen waren zwei weitere Boote gestrandet. Von dort erhielten wir dann gegen 13 Uhr die Nachricht vom Abbruch der Fahrt.

An anderer Stelle hatten sich zuvor dramatische Szenen abgespielt. Wir erfuhren später, dass das Boot mit Nicole ganz kurz vorm rettenden Ufer "abgesoffen" war. Nur mit Mühe hatte sie sich aus den Fußriemen lösen können, als ihr das Wasser schon bis zum Hals stand! Gränne hatte sein Boot mit der  Ruderjugend glücklicherweise sicher an Land gebracht! Hier einige Bilder von dieser Gruppe:


Nicole lächelte trotz ihrer Schwimmeinlage - eben eine mit allen Wassern gewaschene Wanderruderin!

Ein langer Weg zum Deich.



Nasse Füße - kalter Wind - bei dem Anblick leidet man mit!

Ihr seht, Pips und ich hatten noch Glück im Unglück und sind trocken ans Ufer gekommen. 

Wir fanden einen Weg zum angrenzenden Deich und schleppten unser Bootsmaterial und Gepäck dort hinauf.


Gestrandeter Hai!

Blick von der Deichkrone zur Oder.


Wir warteten nun auf den Bootshänger und unseren Abtransport. Nachdem alle Ausleger abmontiert waren, konnten wir zum geselligen Teil übergehen und auf uns anstoßen! Wir hatten ja noch den Bootssekt von der Fahrtenleitung, etwas Neuwasser-Schnaps und diverse Leckereien. Also machten wir das beste aus der misslichen Lage.

Lilo wrang ihr Tuch mit Angstschweiß aus!

Sieglinde ließ die Korken knallen.


Kalter Wind blies über die Deichkrone.

Anderenorts fand sich auch noch ein guter Tropfen!


Irgendwann kamen zwei Gestalten über die Deichkrone spaziert. Es waren zwei Ruderkameradinnen, die aufgrund von zu viel Tiefgang von ihrer Mannschaft ausgesetzt worden waren. Die Männer wollten unbedingt weiter rudern. Es handelte sich um einen Teil des mir völlig unbekannten, aber wohl legendären Vierers, den "Frankfurter Fünf". Die beiden Frauen hatten allerdings genau den richtigen mentalen Tiefgang besessen auszusteigen, denn kurz darauf gingen die drei Herren in der Oder baden. Zwei Kilometer weiter waren sie noch gekommen, dann mussten sie ans Ufer schwimmen. Das Boot konnte gesichert werden. Einige Packsäcke, u.a. wohl mit Haus- und Autoschlüssel gingen leider verloren. Man vernahm etwas Schadenfreude, als unsere Gruppe großmütig ihre letzten trockenen Hemden und Schlüpfer für die Anbadenden spendete.

Unsere Rettung lief etwas chaotisch ab, zwischendurch kam ein erstes Auto vorbei, um ein paar Ruderer und Gepäck mitzunehmen Wir warteten weiter auf den Bootstransport, das Material drohte schon vom Deich zu wehen. Endlich erreichte uns der ersehnte Hänger. Wir luden alle Boote und Skulls auf und wurden dann im warmen Auto zum FRC gefahren. Es war mittlerweile schon 17 Uhr.


Wir waren unter den letzten Heimkehrern und die meisten FRCler hatten sich bereits verabschiedet. So räumten wir nur schnell einige Kleinteile aus dem Hänger. Unser Gepäck war sicher angekommen. Nicole empfing uns auf Socken in der Tür des Vereinsheims, aber Pips hatte glücklicherweise noch ein paar Schuhe für ihre Zugfahrt nach Berlin übrig.

Von den angekündigten Leckereien war zum Glück noch etwas da! Wir genossen Kaffee (ich auch ein großes Radler), Kuchen und leckere Gulaschsuppe. Das hatten wir uns redlich verdient! Gegen 18 Uhr verabschiedeten Pips und ich uns dann von den Gastgebern und traten die Heimreise an. 


Das waren ziemlich hart erkämpfte 20 km für das Fahrtenbuch. Hätte meine erste Oderfahrt nicht weniger turbulent verlaufen können? Die nette Gesellschaft der Ruderkameraden/innen hat aber für alle Strapazen entschädigt und es gab auch viele lustige Momente.

Ich möchte diesen Bericht mit einem Satz von Pips beenden, die im Auto zu mir meinte:

"Eigentlich ist die Oder ganz schön, so ruhig!"